Helmut Höbart, Versicherungsmakler, über das Risiken verdrängen bei Unternehmern

Risiken verdrängen: Warum Unternehmer die eigene Absicherung aufschieben

Risiken verdrängen viele Unternehmer ausgerechnet dort, wo es am teuersten wird: bei der eigenen Person. Liquidität, Investitionen, Lieferketten und Marktentwicklung werden geplant, gerechnet und kontrolliert. Die Frage, was passiert, wenn der Kopf des Unternehmens sechs Monate ausfällt, bleibt dagegen oft unbeantwortet.

Warum das so ist, erklärt Helmut Höbart im Interview. Er war 8,5 Jahre lang Rettungssanitäter beim Roten Kreuz, bevor er in die Versicherungsbranche wechselte – und kennt damit beide Seiten: den Moment, in dem etwas passiert, und die Frage, was danach finanziell trägt.

Warum Unternehmer Risiken verdrängen, statt sie zu bewerten

Unternehmer treffen täglich Entscheidungen unter Unsicherheit. Sie kalkulieren Ausfallwahrscheinlichkeiten von Maschinen, Kunden und Märkten. Bei der eigenen Existenz setzt dieser Reflex aus.

„In vielen Gesprächen mit Unternehmern und Selbstständigen erlebe ich, dass das Thema schlicht ausgeblendet wird, weil es nicht auf der Prioritätenliste steht“, sagt Höbart. Ein Grund dafür liegt aus seiner Sicht in der Ausbildung: Weder Schule noch Studium vermitteln, wie persönliche und finanzielle Risiken zusammenhängen. Was fehlt, ist also kein Produktwissen – es fehlt das Bewusstsein für die Fragestellung.

„Der Satz, den ich am häufigsten höre, lautet: Mir wird schon nichts passieren.“

Genau hier liegt die Besonderheit: Betriebliche Risiken werden bewertet, persönliche bleiben ein Bauchgefühl. Und ein Bauchgefühl lässt sich nicht steuern.

8,5 Jahre Rettungsdienst: Was danach kommt, sieht kaum jemand

Höbarts Blick auf das Thema ist durch seine Zeit im Rettungsdienst geprägt. Dort hat er erlebt, wie schnell sich eine Lebenssituation verändert – und was passiert, wenn im Hintergrund nichts abgesichert ist.

„Gerade bei jungen Menschen habe ich nach schwerer Krankheit oder einem schweren Unfall erlebt, dass jede Absicherung gefehlt hat“, berichtet er. „Durch die angespannte finanzielle Lage sind dann auch Beziehungen auseinandergegangen.“ In jungen Jahren sei einem das selbst nicht bewusst – ihm sei es nicht anders gegangen.

Klar geworden ist ihm der Zusammenhang erst, als er sich beruflich mit Unfallversicherung, Berufsunfähigkeitsabsicherung und Ablebensschutz beschäftigt hat. Der Einsatz endet für den Rettungsdienst mit der Übergabe im Krankenhaus. Was danach kommt – Einkommensausfall, laufende Kredite, ein Betrieb ohne Entscheider –, bekommt dort niemand mit. Diese doppelte Perspektive sieht Höbart heute als Vorteil in Beratung und Risikoanalyse.

Warum Wissen allein nicht zum Handeln führt

Rational verstanden ist ein Risiko schnell. Der Schritt zur Entscheidung ist ein anderer. „Solange der Schmerz nicht vorhanden ist, handeln wir auch nicht“, fasst Höbart seine Erfahrung zusammen.

Menschen verdrängen Risiken also nicht aus Unwissenheit, sondern weil sie nichts zur Entscheidung zwingt. Was tatsächlich in Bewegung bringt, ist meist ein konkreter Fall: eine Erkrankung oder ein Unfall in der eigenen Familie. Erst dann wird aus einem abstrakten Szenario ein persönliches.

Besonders deutlich wird das bei einer Berufsgruppe, die es eigentlich besser wissen müsste. „Pflegekräfte, Physiotherapeuten, Psychologen erleben täglich, wie schnell Gesundheit verloren gehen kann – und trotzdem wird die eigene Absicherung oft auf später verschoben“, sagt Höbart. Wer Risiken bei anderen erkennt, hält sie bei sich selbst noch lange nicht für dringend.

Deshalb sieht er Aufklärung als Teil seiner Aufgabe: bei Unternehmern und Selbstständigen ebenso wie bei Eltern. Er hält Vorträge und ist auf Netzwerkveranstaltungen von WKO und BNI sowie an Fachschulen unterwegs. Für die Steuerung im Betrieb gilt dabei derselbe Mechanismus wie in der Finanzplanung und im Controlling: Was nicht schriftlich erfasst ist, wird im Alltag nicht gesteuert.

Die Sätze, hinter denen sich der teuerste Denkfehler versteckt

Drei Sätze hört Höbart immer wieder: „Mich wird es schon nicht treffen“, „Dafür bin ich noch zu jung“ und „Das kann ich später noch regeln“. Beim letzten hakt er ein.

„Ja, du kannst das später regeln – die Voraussetzung dafür ist, dass du gesund bist. Sonst bist du nicht mehr versicherbar.“

Das ist der Kern des Problems. Wer betriebliche Investitionen verschiebt, kann sie später nachholen. Beim Thema Absicherung ist das Zeitfenster an die gesundheitliche Ausgangslage gekoppelt – und es schließt sich, ohne dass man es im Vorfeld bemerkt.

In der Praxis erlebt Höbart häufig, dass ein Abschluss schon ab Mitte zwanzig nicht mehr möglich ist, weil eine Diagnose oder eine dauerhafte Medikation vorliegt. Sein Ansatz ist deshalb, so früh wie möglich zu handeln: Solange die gesundheitliche Ausgangslage passt, gibt es überhaupt eine Auswahl – und die Prämie fällt zusätzlich günstiger aus. Wie relevant der Verlust der Arbeitskraft als finanzielles Risiko ist, zeigen auch die amtlichen Statistiken der Deutschen Rentenversicherung zu Erwerbsminderungsrenten.

Vor dem Produkt kommt die Bestandsaufnahme

Vorsorge wird schnell mit Versicherungen gleichgesetzt. Höbart dreht die Reihenfolge um: zuerst die Situation, dann die Lösung.

Am Anfang steht für ihn die persönliche Ausgangslage – Familie, Kinder, Partnerschaft – und daraus abgeleitet die Frage, was tatsächlich abgesichert sein muss. Dazu kommt die finanzielle Seite: Gibt es Reserven? Gibt es weitere Einkommen? Welche Kredite und Verpflichtungen laufen, auch dann noch, wenn das Einkommen wegfällt?

„Daraus entsteht das passende, maßgeschneiderte Konzept – immer kundenangepasst“, sagt Höbart. Wer diesen Schritt überspringt, kauft ein Produkt und weiß nicht, welche Lücke es schließen soll. Und wer zu früh über Lösungen spricht, hat nach seiner Erfahrung meist zu wenig gefragt.

Vier Fragen für die eigene Risikoanalyse

Wer seine persönliche und finanzielle Risikosituation systematisch erfassen will, kann laut Höbart mit vier Fragen starten. Sie lassen sich in wenigen Minuten beantworten – die Antworten zeigen sofort, wo es hakt.

FrageWarum sie zählt
Wie bin ich bei Krankheit oder Unfall finanziell abgesichert?Klärt, ob überhaupt ein Einkommen weiterläuft – und für wie lange.
Läuft mein Unternehmen auch ohne mich weiter?Trennt das Personenrisiko vom Betriebsrisiko. In vielen kleinen Unternehmen sind beide identisch.
Was passiert bei einem Ausfall von mehr als 14 Tagen – und was bei sechs Monaten?Kurze Ausfälle federt der Betrieb meist ab. Ab mehreren Monaten entscheidet, was vertraglich vereinbart ist.
Passen bestehende Absicherungen heute noch?Verträge von vor zehn Jahren bilden selten die heutige Einkommens-, Familien- und Kreditsituation ab.

Werden die ersten Fragen mit Ja beantwortet, bleibt die vierte entscheidend – denn eine bestehende Police sagt noch nichts über ihre Höhe und ihre Bedingungen aus. Lautet die Antwort Nein, braucht es aus Höbarts Sicht eine Risikoanalyse durch einen Fachmann beziehungsweise Versicherungsmakler.

Was Unternehmer daraus mitnehmen

Die eigene Arbeitskraft ist in vielen kleinen und mittleren Unternehmen der größte ungesicherte Posten – er taucht in keiner Bilanz auf und wird in keinem Reporting überwacht. Risiken verdrängen erfordert dabei keine aktive Entscheidung: Es reicht, das Thema zu vertagen.

Der pragmatische Gegenentwurf besteht aus zwei Terminen im Jahr. Einmal die vier Fragen oben durchgehen und die Antworten schriftlich festhalten. Und einmal die bestehenden Verträge im selben Turnus prüfen wie die Versicherungen des Betriebs – mit der einzigen Frage, ob Höhe und Bedingungen noch zur aktuellen Situation passen. Wie sich einzelne Vorsorgebausteine im Unternehmen abbilden lassen, zeigt auch unser Interview zur pauschaldotierten Unterstützungskasse.

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Über Helmut Höbart

Helmut Höbart ist Versicherungsmakler und Berater in Versicherungsangelegenheiten sowie Geschäftsführer der Deine sichere Zukunft Versicherungsmakler GmbH mit Sitz in Grafendorf bei Hartberg in der Steiermark. Er ist seit über 20 Jahren in der Versicherungsbranche tätig. Zunächst im Außendienst der Wiener Städtischen Versicherung, anschließend als selbstständiger Versicherungsagent und Geschäftsinhaber, seit 2024 mit der eigenen GmbH. Davor war er 8,5 Jahre lang Rettungssanitäter beim Roten Kreuz.

Sein Schwerpunkt liegt auf der frühen Absicherung der Arbeitskraft: Er begleitet Eltern dabei, Kinder ab zehn Jahren gegen Berufsunfähigkeit abzusichern, solange die Versicherbarkeit noch gegeben ist. Weitere Schwerpunkte sind Unfallversicherung, Ablebensschutz, private Krankenversicherung sowie die Ausfallsabsicherung für Selbstständige. Als Referent ist er bei Netzwerkveranstaltungen von WKO und auf Linkedin sowie an Fachschulen aktiv.

FAQ

Warum verdrängen gerade Unternehmer persönliche Risiken?

Weil das Thema im Tagesgeschäft nicht auf der Prioritätenliste steht und in Schule wie Studium nie behandelt wurde. Betriebliche Risiken werden bewertet, persönliche bleiben ein Bauchgefühl – oft zusammengefasst im Satz „Mir wird schon nichts passieren“.

Warum ist es riskant, die Absicherung aufzuschieben?

Weil der Zugang zu einer Absicherung an die gesundheitliche Ausgangslage gekoppelt ist. Liegt eine Diagnose oder eine dauerhafte Medikation vor, ist ein Abschluss laut Helmut Höbart häufig nicht mehr möglich – in der Praxis teils schon ab Mitte zwanzig. Zusätzlich steigt die Prämie mit dem Alter.

Womit sollte eine Risikoanalyse beginnen?

Nicht mit Produkten, sondern mit der eigenen Situation: Familie, Kinder, Partnerschaft, Reserven, weitere Einkommen sowie laufende Kredite und Verpflichtungen. Erst daraus ergibt sich, welche Lücke überhaupt zu schließen ist.

Wie oft sollte man bestehende Verträge prüfen?

Höbart empfiehlt, bestehende Absicherungen im selben Turnus zu prüfen wie die Versicherungen des Betriebs – und immer dann, wenn sich Einkommen, Familiensituation oder Verbindlichkeiten wesentlich verändert haben.

Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Erfahrungen und Einschätzungen des Interviewpartners wieder und ersetzt keine individuelle Beratung. Rechtliche Rahmenbedingungen und Versicherungsbedingungen unterscheiden sich zwischen Österreich und Deutschland; für die eigene Situation ist eine persönliche Prüfung erforderlich.

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