Roger Schulz begleitet seit über 20 Jahren vermögende Privatpersonen und Unternehmer bei der Strukturierung ihres Vermögens. Im Interview spricht er über die häufigsten Fehler, die er in der Praxis beobachtet, warum Klumpenrisiken oft unterschätzt werden, und was Menschen, die in fünf Jahren in den Ruhestand gehen wollen, heute tun sollten.
Was hat sich in 20 Jahren Vermögensverwaltung grundlegend verändert?
Die Möglichkeiten für Anleger sind heute größer denn je. Aktien, ETFs, Immobilien, Beteiligungen oder alternative Investments sind für viele Menschen leicht zugänglich geworden.
Gleichzeitig ist die Informationsflut enorm gestiegen. Täglich gibt es neue Empfehlungen, Prognosen und Trends.
Früher war es schwierig, an Informationen zu kommen. Heute besteht die Herausforderung darin, die wirklich wichtigen Informationen herauszufiltern.
Die meisten Menschen haben eine Geldanlage. Die wenigsten haben eine Vermögensstrategie. Genau das ist aus meiner Sicht der entscheidende Unterschied.
Viele Unternehmer führen ihr Unternehmen strategischer als ihr Vermögen. Woran liegt das aus Ihrer Erfahrung?
Unternehmer beschäftigen sich täglich mit ihrem Unternehmen. Sie kennen ihre Kennzahlen, ihre Ziele und ihre Strategie.
Beim Vermögen fehlt dieser strukturierte Blick häufig.
Das gilt übrigens nicht nur für Unternehmer. Auch Menschen, die Vermögen durch eine Erbschaft, eine Abfindung oder einen Unternehmensverkauf erhalten haben, beschäftigen sich oft intensiv mit einzelnen Anlagen, aber selten mit der Frage, wie ihr Gesamtvermögen aufgestellt ist.
Dabei sollte Vermögen genauso strategisch betrachtet werden wie ein Unternehmen. Mit klaren Zielen, Risikomanagement und einem langfristigen Plan.
Was sind die drei häufigsten Fehler, die Sie bei vermögenden Anlegern beobachten?
Der erste Fehler sind Klumpenrisiken. Viele Anleger sind stärker von einzelnen Aktien, Immobilien oder Beteiligungen abhängig, als ihnen bewusst ist.
Der zweite Fehler ist fehlende Liquiditätsplanung. Vermögen kann auf dem Papier groß sein und trotzdem im falschen Moment nicht verfügbar sein.
Der dritte Fehler sind emotionale Entscheidungen. Gerade in turbulenten Marktphasen wird häufig aus Angst oder Euphorie gehandelt.
Langfristiger Vermögenserfolg entsteht selten durch einzelne Entscheidungen. Er entsteht durch eine durchdachte Struktur.
Wie gehen Sie konkret vor, wenn jemand zu Ihnen kommt und sagt: „Ich weiß, dass ich etwas tun sollte, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.“?
Dann sprechen wir zunächst nicht über Produkte.
Zuerst möchte ich verstehen, wo die Person heute steht und wo sie in zehn oder zwanzig Jahren stehen möchte.
Welche Vermögenswerte existieren bereits? Welche Ziele gibt es? Welche Einkünfte werden später benötigt? Welche Risiken sollen vermieden werden?
Viele Menschen suchen nach einer neuen Geldanlage. Tatsächlich benötigen sie zunächst Klarheit über ihre Vermögensstruktur und ihre Strategie.
Erst danach sprechen wir über mögliche Lösungen.
Klumpenrisiken im Depot sind ein großes Thema. Wie erkennt jemand, ob er gefährlich abhängig von einzelnen Positionen ist?
Eine einfache Frage hilft oft weiter:
Was würde passieren, wenn der größte Vermögenswert morgen 30 oder 40 Prozent an Wert verliert?
Wenn dadurch die langfristige Planung gefährdet wäre, besteht vermutlich ein Klumpenrisiko.
Dieses Risiko kann in einer Aktie, einer Immobilie, einer Unternehmensbeteiligung oder auch im eigenen Unternehmen liegen.
Viele Anleger unterschätzen, wie stark ihr Vermögen von einzelnen Positionen abhängt.
Diversifikation ist deshalb keine Renditebremse. Sie ist ein wichtiger Baustein zur Sicherung von Vermögen.
Was ist Ihr wichtigster Rat an jemanden, der in den nächsten fünf Jahren in den Ruhestand gehen möchte?
Frühzeitig planen.
Viele Menschen konzentrieren sich jahrzehntelang auf den Vermögensaufbau und beschäftigen sich erst kurz vor dem Ruhestand mit dem nächsten Schritt.
Dabei unterscheiden sich Vermögensaufbau, Vermögenserhalt und Entnahmeplanung erheblich voneinander.
Wer in den nächsten fünf Jahren in den Ruhestand gehen möchte, sollte sich heute Gedanken über Liquidität, Risikomanagement, Entnahmestrategien und die Struktur seines Vermögens machen.
Denn am Ende geht es nicht darum, möglichst viel Vermögen zu besitzen. Entscheidend ist, dass das Vermögen die gewünschte Lebensqualität dauerhaft sichern kann.
Das Interview wurde geführt von Jörg Maire









