Finanzbildung als Spiel setzt dort an, wo Erklärungen oft verpuffen: bei der eigenen Entscheidung. Wer im Spiel sein ganzes Geld investiert und kurz darauf von einer unerwarteten Ausgabe getroffen wird, versteht den Wert von Rücklagen anders als nach jedem Merkblatt. Genau diese Erfahrung will das Strategiespiel „Finanziell Frei“ vermitteln, das derzeit in einer Beta-Phase getestet wird.
Entwickelt hat es Sebastian Röhling aus Gescher, gelernter Mechatroniker, seit vielen Jahren Fotograf und Videograf und selbst Unternehmer. Im Interview erzählt er, welches Finanzwissen ihm jahrelang gefehlt hat, warum amerikanische Finanzratgeber nicht eins zu eins nach Deutschland passen, welche Denkfehler beim ersten eigenen Einkommen typisch sind und was auch erfahrene Unternehmer aus einer Spielrunde mitnehmen können.
Was früher fehlte: Geld verdienen ist nicht Vermögen aufbauen
Röhling fehlte vor allem das Verständnis für Zusammenhänge. Geld verdienen, seine Rechnungen bezahlen und Vermögen aufbauen sind aus seiner Sicht drei unterschiedliche Dinge, nur wird einem das selten verständlich erklärt. Man kann fachlich gut sein und als Unternehmer viel arbeiten, ohne automatisch zu wissen, wie daraus langfristig finanzielle Sicherheit entsteht.
„Dieses Wissen musste ich mir später selbst erarbeiten, und das hat mich Jahre gekostet.“
Die Entscheidung, die er heute anders treffen würde, betrifft deshalb vor allem den Zeitpunkt. Er hätte sich viel früher damit beschäftigt, wie laufende Einnahmen, Kosten, Rücklagen und Vermögen zusammenspielen. Genau diesen früheren Einstieg möchte er anderen ermöglichen.
Den Anstoß, Finanzwissen spielbar zu machen, gab ein Buch: „Rich Dad Poor Dad“ von Robert T. Kiyosaki. Es brachte Röhling dazu, Geld aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Welche Entscheidungen schaffen langfristig mehr Handlungsspielraum? Welche erzeugen immer neue Verpflichtungen? Und wie abhängig bleibt das eigene Einkommen davon, dass man ständig selbst arbeitet?
Daraus entstand die Idee, solche Zusammenhänge erlebbar zu machen: ein Spiel, in dem man selbst Entscheidungen trifft und erlebt, was daraus folgt, mit Situationen, die man aus Deutschland kennt. Das Buch sei ein wichtiger Impuls gewesen, sagt Röhling. Die konkreten Spielregeln und Erklärungen müssten aber zum hiesigen Alltag passen, und auch die Gedanken aus einem Buch müsse man kritisch prüfen.
Warum Finanzbildung als Spiel anders wirkt als ein Vortrag
Dass ein Mechatroniker und Fotograf ein Finanzspiel entwickelt, ist für Röhling kein Widerspruch. Als Mechatroniker beschäftigt man sich damit, wie ein System funktioniert und was passiert, wenn man an einer Stelle etwas verändert. Als Fotograf und Videograf muss er Dinge so darstellen, dass andere sie verstehen und interessant finden. Und als Unternehmer beschäftigt er sich zwangsläufig mit Preisen, Investitionen, laufenden Kosten und seiner eigenen Zeit.
Bei Finanziell Frei kommen diese Erfahrungen zusammen. Hinzu kommen KI-Werkzeuge, mit denen er heute Ideen umsetzen kann, die für ihn allein früher deutlich schwerer zu realisieren gewesen wären. Die eigentliche Arbeit bleibt trotzdem: Regeln durchdenken, Berechnungen prüfen, Feedback aufnehmen und immer wieder verbessern.
Bei der Frage, ob Finanzbildung als Spiel besser funktioniert als ein Vortrag oder ein Lehrbuch, widerspricht Röhling der Zuspitzung. „Besser als jeder Vortrag“ würde er nicht pauschal behaupten, ein guter Lehrer oder ein gutes Buch könne sehr viel bewirken. Ein Spiel habe aber einen besonderen Vorteil: Man muss selbst entscheiden.
„Wenn mir jemand erklärt, dass Rücklagen wichtig sind, klingt das erst einmal vernünftig. Wenn ich im Spiel mein ganzes Geld investiere und anschließend eine unerwartete Ausgabe kommt, verstehe ich das Problem aus meiner eigenen Situation heraus. Beim nächsten Mal denke ich anders darüber nach.“
Genauso funktioniere es mit einer Immobilie, die auf den ersten Blick attraktiv aussieht, nach Kreditrate und Kosten aber kaum Geld übrig lässt. Das Spiel schafft einen Anlass, Fragen zu stellen, und die Erklärung bekommt dadurch unmittelbar Bedeutung. Ob das Gelernte später im Alltag ankommt, müsse man allerdings gesondert prüfen, räumt Röhling ein.
Deutsche Spielregeln statt amerikanischer Ratschläge
Die bekannten Finanzbücher stammen überwiegend aus den USA. Grundgedanken wie Rücklagen bilden, Kosten verstehen und langfristig denken können nach Röhlings Einschätzung überall hilfreich sein. Sobald es konkret wird, unterscheiden sich aber die Rahmenbedingungen. Amerikanische Altersvorsorgekonten, Steuerregeln oder Gesellschaftsformen lassen sich nicht einfach mit deutschen Begriffen ersetzen.
Bei einer Immobilie hierzulande müsse man beispielsweise Kaufnebenkosten, Finanzierung, laufende Bewirtschaftung und steuerliche Fragen zusammendenken. Auch eine GmbH bedeute zusätzliche Pflichten und Kosten, sie sei „kein automatischer Steuersparknopf“. Deshalb bildet Finanziell Frei vertraute deutsche Lebenssituationen ab: einen Azubi mit begrenztem Einkommen, einen Angestellten, einen Unternehmer oder jemanden, der ein Nebenprojekt aufbaut. Das Spiel vereinfacht diese Realität, soll aber verständliche Zusammenhänge vermitteln und dazu anregen, vor echten Entscheidungen genauer hinzusehen.
Nach einer Runde wünscht sich Röhling vor allem eines: dass jemand seine Entscheidungen mit ein paar zusätzlichen Fragen prüft. Wie viel Geld habe ich gerade verfügbar? Was bleibt mir monatlich übrig? Welche Verpflichtungen gehe ich ein? Und was passiert, wenn etwas anders läuft als geplant?
Dazu gehört die Unterscheidung zwischen Kontostand, Cashflow und Nettovermögen, die auch im Betrieb über Handlungsfähigkeit entscheidet, wie ein Beitrag zur Cashflow-Analyse im Mittelstand auf diesem Portal zeigt. Eine wertvolle Immobilie bezahlt nicht automatisch die nächste Rechnung. Mieteinnahmen sind nicht vollständig Gewinn. Und ein Kredit kann eine Investition ermöglichen, bindet aber auch an regelmäßige Zahlungen. Außerdem soll man lernen, Chancen zu erkennen. Ein kleines Nebenprojekt kann interessant sein, wenn es zu den eigenen Fähigkeiten passt, braucht neben Geld aber auch Zeit, Kunden und einen realistischen Blick auf den Aufwand.
„Ein begründetes Nein zu einem Deal kann genauso eine gute Entscheidung sein wie ein Kauf.“
Denkfehler beim ersten Einkommen und Finanzbildung ohne Verkaufsdruck
Typische Denkfehler beim ersten eigenen Einkommen schreibt Röhling ausdrücklich nicht nur jungen Menschen zu, viele Erwachsene kennen sie ebenfalls. Ein häufiger ist, eine Anschaffung nur anhand der monatlichen Rate zu beurteilen. Eine einzelne Rate wirkt überschaubar, mehrere Raten, Abos und andere feste Kosten können zusammen aber einen großen Teil des Einkommens binden.
Ein zweiter Denkfehler: aus einem höheren Einkommen automatisch mehr finanziellen Spielraum abzuleiten. Wachsen die Ausgaben im gleichen Tempo, verändert sich die eigene Sicherheit kaum. Und dann gibt es das andere Extrem, die Vorstellung, man müsse nur die richtige Aktie, Kryptowährung oder Geschäftsidee finden und könne den langsamen Aufbau überspringen. Röhling will vermitteln, dass Chancen und Risiken zusammengehören. Ein schlechtes Gewissen soll dabei aber niemand bekommen, nur weil er sich von seinem ersten Gehalt etwas Schönes gönnt.
Besonders wichtig ist ihm, dass Finanzbildung als Spiel ohne Verkaufsdruck funktioniert, gerade an Schulen und Berufskollegs. Junge Menschen sollen Fragen stellen können, ohne sich schon in einem Verkaufsgespräch zu befinden. Wer gerade erst lernt, was ein Kredit, ein ETF oder eine Versicherung ist, kann eine Erklärung und eine Produktempfehlung oft noch schwer auseinanderhalten.
Bei Finanziell Frei steht deshalb das Verstehen im Mittelpunkt. Die Lerntexte erklären Begriffe, Kosten, Risiken und Zusammenhänge und sollen die Spieler befähigen, Angebote selbst zu hinterfragen. Dazu gehört, Grenzen zu zeigen: Fremdkapital erhöht das Risiko, eine hohe erwartete Rendite ist keine Garantie, und vermeintlich passive Einnahmen können Arbeit verursachen. Neutralität müsse man laufend prüfen, sagt Röhling. Bildungsinhalte und Werbung müssen klar unterscheidbar bleiben, und für den Einsatz in Schulen will er Rückmeldungen von Lehrkräften einbeziehen. Einen ähnlich werbefreien Anspruch verfolgt auch die Finanzbildungsplattform der Bundesregierung Mit Geld und Verstand.
Was die Beta-Phase zeigt und was Unternehmer mitnehmen
Aus den ersten Rückmeldungen hat Röhling vor allem gelernt, wie viel man als Entwickler irgendwann für selbstverständlich hält. Ein Beispiel: Neue Spieler erkannten den Würfel nicht sofort als den Button, den sie drücken sollen. Wer schon beim Einstieg hängen bleibt, dem hilft auch die beste Spielmechanik wenig. Deshalb liegt ein Schwerpunkt jetzt auf Bedienung und Einführung.
Besonders interessant fand er die positive Resonanz auf die Ressource Zeit. Nebenjobs und Projekte bringen im Spiel Einnahmen, beanspruchen aber auch Zeit für Aufbau und Pflege, eine Ergänzung, die ein Tester ausdrücklich als sinnvoll und interessant gelobt hat. Gleichzeitig zeigen die Rückmeldungen, wo zusätzliche Mechaniken das Spiel unnötig verlangsamen. Eine Immobilienentscheidung enthält bereits viele Zahlen, und nicht jede weitere Auswahl verbessert den Lerneffekt. Die Balance zwischen Verständlichkeit, Tiefe und Spieltempo beschäftigt Röhling sehr.
Auch erfahrene Unternehmer können aus dem Spiel etwas mitnehmen, ist er überzeugt, nämlich die eigenen Gewohnheiten in einer vereinfachten Situation wiederzuerkennen. Schaue ich zuerst auf den möglichen Umsatz oder auf das, was nach Kosten übrig bleibt? Nehme ich jede Gelegenheit mit? Wie viel Zeit binde ich dadurch? Und habe ich noch Reserven, wenn etwas schiefläuft?
Dazu gehört der Unterschied zwischen sogenannten guten und schlechten Schulden. Eine Finanzierung kann helfen, etwas aufzubauen, das künftig Einnahmen erzielt. Konsumschulden können dagegen das zukünftige Einkommen belasten, lange nachdem der Reiz der Anschaffung verflogen ist. Aber auch ein Investitionskredit ist nicht automatisch gut, Kosten, Risiken und Rückzahlung müssen zur eigenen Situation passen. Das gilt ebenso für private Käufe: Brauche ich das wirklich? Was kostet es mich insgesamt und im laufenden Unterhalt? Ist es mir das wert? Es gehe nicht darum, sich nichts mehr zu gönnen, sondern bewusst zu entscheiden. Für Unternehmer kommt die Zeitfrage hinzu. Ein Projekt kann finanziell attraktiv aussehen und trotzdem die gesamte verfügbare Zeit beanspruchen, und Delegieren kostet wiederum Geld und verlangt Organisation.
Finanzbildung als Spiel: Training für echte Entscheidungen
Sebastian Röhling verspricht mit Finanziell Frei keine Abkürzung zur finanziellen Freiheit, eher das Gegenteil. Sein Spiel soll Fragen erzeugen, bevor Geld, Zeit oder Kredit gebunden sind. Bemerkenswert ist, wie offen er die Grenzen seines Ansatzes benennt: Ein Spiel ersetzt keinen guten Unterricht, der Lerneffekt im Alltag muss eigens geprüft werden, und Neutralität ist kein Zustand, sondern eine laufende Aufgabe.
Für Unternehmer liegt der Wert weniger im Spiel selbst als in den Fragen, die es trainiert. Umsatz oder Cashflow, verfügbare Reserve, gebundene Zeit, gute oder schlechte Schulden: Das sind dieselben Kategorien, die auch im Betrieb über Liquidität und Handlungsspielraum entscheiden. Für Ausbildungsbetriebe, Schulen und Berufskollegs kann Finanzbildung als Spiel ein niedrigschwelliger Einstieg sein, solange sie so konsequent von Produktwerbung getrennt bleibt, wie Röhling es anstrebt.
„Für mich wäre schon viel erreicht, wenn jemand nach dem Spielen eine echte Entscheidung gründlicher durchrechnet, eine bisher übersehene Gelegenheit erkennt oder merkt: Diesen Deal oder diese Anschaffung muss ich gerade nicht machen.“









