Ralf von der Heiden, zertifizierter Impact Investment Botschafter der IISII AG erklärt im Interview, warum nachhaltige Investments keine Verzichtserklärung sind und wie Wirkung messbar wird.
„Impact reduziert nicht die ökonomische Rationalität, er erweitert sie“
Wer mit Ralf von der Heiden über Impact Investments spricht, merkt schnell: Hier sitzt kein Idealist, der Rendite als Nebensache betrachtet. Er hat wenig Geduld für das hartnäckigste Vorurteil in seinem Arbeitsfeld. „Dieses Vorurteil basiert auf einem alten Missverständnis: dass Kapital entweder Rendite oder Wirkung erzeugen kann, aber nicht beides gleichzeitig“, sagt er. „In der Realität zeigt sich zunehmend das Gegenteil.“
Impact Investments sei kein Spendenmodell, betont von der Heiden, sondern ein investitionslogischer Ansatz, bei dem Wirkung als zusätzliche Dimension zur finanziellen Performance betrachtet wird. Das klingt zunächst nach einer Formulierung aus dem Lehrbuch, gewinnt aber an Schärfe, wenn man sie mit konkreten Marktentwicklungen zusammendenkt. Viele der strukturellen Wachstumsmärkte unserer Zeit, etwa erneuerbare Energien, nachhaltige Landwirtschaft, Bildungstechnologien oder der Zugang zu Gesundheitsversorgung, sind genau dort entstanden, wo gesellschaftliche Herausforderungen am drängendsten sind. Und genau dort, so von der Heiden, entstehen oft auch überdurchschnittliche Renditechancen.
Der Punkt, auf den er immer wieder zurückkommt, ist die Erweiterung des ökonomischen Denkrahmens: „Impact reduziert nicht die ökonomische Rationalität, er erweitert sie um systemische Risiken und Chancen.“ Wer also Impact Investments mit dem Argument abtut, sie seien zu weich oder zu idealistisch, verpasst nach Ansicht von der Heidens einen fundamentalen Wandel in der Kapitallogik.
ESG, ethische Fonds, Impact Investment: Drei Begriffe, die oft verwechselt werden
Die Begriffswelt rund um nachhaltiges Investieren ist unübersichtlich. ESG, SRI, Impact, ethische Fonds: Viele Unternehmer verwenden diese Begriffe synonym, obwohl sie grundlegend unterschiedliche Ansätze beschreiben. Ralf von der Heiden zieht hier eine klare Trennlinie.
„ESG-Investments bewertet Unternehmen nach Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien, meist zur Risikominimierung im bestehenden Portfolio“, erklärt er. „Ethische Fonds schließen bestimmte Branchen aus, etwa Waffen oder Tabak, ohne zwingend eine positive Wirkung zu erzeugen.“ Impact Investment hingegen verfolge explizit messbare, intentionale Wirkung neben finanzieller Rendite.
Der zentrale Unterschied liegt also nicht in der Absicht, sondern in der Konsequenz. ESG fragt: Wie schädlich ist dieses Investment? Ethische Fonds fragen: Was wollen wir ausschließen? Impact Investment fragt etwas anderes: „Welche konkrete positive Veränderung wird verursacht, und ist sie messbar?“ So formuliert es von der Heiden, und diese Frage ist es, die den Ansatz von allen anderen unterscheidet.
Es geht nicht darum, Schaden zu vermeiden, sondern darum, nachweisbaren Nutzen zu schaffen. Dieser Unterschied klingt subtil, hat aber weitreichende Konsequenzen für die Auswahl von Projekten, die Strukturierung von Investments und die Art, wie Wirkung dokumentiert und kommuniziert wird.
Wirkung messen: Standards, Methoden und der Reifegrad eines Investors
Einer der häufigsten Einwände gegen Impact Investment lautet: Wie soll man Wirkung überhaupt verlässlich messen? Ralf von der Heiden gibt zu, dass Wirkungsmessung einer der kritischsten Punkte im gesamten Sektor ist. Aber er verweist auf ein inzwischen stabiles Ökosystem etablierter Rahmenwerke.
„Es gibt heute anerkannte Standards, die als Orientierung dienen“, sagt er und nennt konkrete Beispiele: IRIS+ vom Global Impact Investing Network (GIIN) bietet standardisierte Impact-Indikatoren, die branchenübergreifend angewendet werden können. Die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen (SDGs) dienen als globaler Referenzrahmen, an dem sich Projekte und Investments ausrichten lassen. Das Impact Management Project (IMP) analysiert Wirkung nach Tiefe, Breite und Dauer. Und der Social Return on Investment (SROI) versucht, gesellschaftliche Wirkung in monetäre Begriffe zu übersetzen.
Von der Heiden ist dabei realistisch genug, um keine Perfektion zu versprechen: „Es gibt keine perfekte Einheitsmetrik.“ Deshalb arbeite der Sektor zunehmend mit einem Multi-Methoden-Ansatz, der quantitative Daten, etwa CO2-Reduktion, mit qualitativen Effekten wie verbessertem Bildungszugang kombiniert. Was zählt, ist nicht die Wahl eines bestimmten Rahmenwerks, sondern die Konsequenz, mit der Wirkung dokumentiert wird.
Und hier kommt ein für von der Heiden zentraler Punkt ins Spiel: „Der Reifegrad eines Investors zeigt sich daran, ob er Wirkung nicht nur behauptet, sondern systematisch nachvollziehbar dokumentiert.“ Impact Washing, also das Aufhübschen konventioneller Investments mit grünem Vokabular, ist für ihn das eigentliche Problem, das den Markt verzerrt und Vertrauen zerstört. Wer es ernst meint, legt seine Methodik offen.
Diese Branchen bieten die attraktivsten Rendite-Wirkungs-Kombinationen
Mittelständische Unternehmer, die über Impact Investments nachdenken, stellen früher oder später die praktische Frage: Wo konkret lässt sich investieren? Ralf von der Heiden beobachtet besonders starke Dynamik in sechs Bereichen, die strukturelle gesellschaftliche Nachfrage mit technologischer Skalierbarkeit verbinden.
An erster Stelle nennt er die Energie-Transition, insbesondere Netzstabilität, Speichertechnologien und erneuerbare Infrastruktur. „Diese Kombination aus regulatorischem Rückenwind, enormem Kapitalbedarf und technologischer Reife macht diesen Bereich besonders attraktiv für mittelständische Investoren“, erklärt von der Heiden. HealthTech und digitale Gesundheitssysteme stehen ebenfalls weit oben auf seiner Liste, ebenso wie EdTech und lebenslanges Lernen.
Regenerative Landwirtschaft und Food Systems gewinnen nach Einschätzung von der Heidens zunehmend an Bedeutung, da Lieferketten und Ernährungssicherheit durch den Klimawandel unter Druck geraten. Bezahlbarer Wohnraum und soziale Infrastruktur sowie Wassertechnologien und Ressourcenmanagement runden das Bild ab.
Das Muster hinter diesen Bereichen ist klar: „Diese Sektoren vereinen zwei Faktoren: strukturelle gesellschaftliche Nachfrage und technologische Skalierbarkeit.“ Was das in der Praxis bedeutet: Nicht nur die Nachfrage nach Lösungen ist stabil und wächst unabhängig von Konjunkturzyklen. Auch die Technologien, um diese Lösungen zu skalieren, sind heute weitgehend vorhanden. Das Kapital fehlt, und dort liegt die Chance.
Deutschland im internationalen Vergleich: Stark in Regulierung, vorsichtig in der Umsetzung
Wie steht Deutschland im globalen Wettbewerb um Impact Investments da? Ralf von der Heiden gibt eine differenzierte Antwort. „Deutschland ist im Impact Investment gut positioniert, aber nicht führend“, sagt er. Die Stärken liegen auf der Hand: eine starke institutionelle Investorenbasis, ein ausgeprägtes Nachhaltigkeitsbewusstsein in Bevölkerung und Wirtschaft sowie eine weit fortgeschrittene regulatorische Integration von ESG-Kriterien.
Die Herausforderungen sind aber ebenso real. „Im Mittelstand ist die Risikobereitschaft für neue Investitionslogiken noch vergleichsweise gering“, beobachtet von der Heiden. Dazu kommt eine historisch gewachsene Trennung zwischen klassischer Unternehmensfinanzierung und Impact-Logik sowie das Fehlen großer, sichtbarer Impact-Fonds, wie sie in Großbritannien oder den USA längst existieren.
Im direkten Vergleich sieht er Großbritannien bei nachhaltigen Finanzprodukten als führend, die USA dagegen im Bereich Venture Impact Capital. Deutschland punktet vor allem in der Regulierung, ist aber konservativer in der praktischen Umsetzung. „Der Mittelstand ist hier der entscheidende Hebel für die nächste Entwicklungsstufe“, ist von der Heiden überzeugt. Gemeint ist damit nicht nur das investierte Kapital, sondern auch der kulturelle Wandel, den der Mittestand anstoßen kann, wenn sie Impact Investment als strategisches Instrument begreifen.
Impact Investment Botschafter: Übersetzer zwischen zwei Welten
Ein zentrales Element Ihrer Arbeit ist die Ausbildung sogenannter Impact Investment Botschafter. Was steckt hinter diesem Konzept, und wer eignet sich für diese Rolle?
„Botschafter sind im Kern Übersetzer zwischen zwei Welten: der klassischen Finanzwelt und der Wirkungsökonomie“, erklärt von der Heiden. Ihre Aufgabe sei dabei nicht nur Vertrieb, sondern etwas Grundlegenderes: Verständnis schaffen für neue Kapitallogiken, Vertrauen in ein noch junges Marktsegment aufbauen, konkrete Projekte und Investoren zusammenbringen, Wirkung greifbar und kommunizierbar machen.
Das Profil, das von der Heiden beschreibt, überrascht. Es geht nicht um akademische Abschlüsse oder langjährige Finanzkarrieren. „Geeignet sind Menschen, die drei Eigenschaften kombinieren: finanzielle Grundkompetenz oder Lernbereitschaft, kommunikative Stärke und Glaubwürdigkeit sowie intrinsische Motivation für gesellschaftliche Wirkung“, sagt er. Der entscheidende Faktor sei Integrität und Übersetzungsfähigkeit, nicht akademische Perfektion.
Das bedeutet: Der Markt für Impact Investment Botschafter ist breiter als man zunächst denkt. Unternehmer, die selbst investiert haben und über ihre Erfahrungen sprechen können. Berater, die ihre Kunden bei der Portfolio-Reflexion begleiten. Menschen aus der Zivilgesellschaft, die Projekte kennen und Kapital suchen. Die Botschafter sind das Bindeglied, das Impact Investment vom Nischensegment in die Breite des Mittelstands trägt.
Warum von der Heiden jeden Morgen aufsteht und dieses Thema vorantreibt
Am Ende eines Gesprächs über Märkte, Methoden und Messrahmen bleibt eine persönliche Frage: Was treibt Ralf von der Heiden an, jeden Tag aufzustehen und dieses Thema voranzubringen, auch wenn der Gegenwind aus klassischen Finanzkreisen spürbar ist?
„Mein Antrieb ist die Überzeugung, dass Kapital einer der stärksten Hebel für systemische Veränderung ist, aber nur dann, wenn es bewusst gesteuert wird“, sagt er. Viele Probleme unserer Zeit seien nicht durch fehlende Ideen entstanden, sondern durch fehlende Kapitallenkung. Das ist ein Satz, der sitzt.
Den Gegenwind aus der klassischen Finanzwelt nimmt er dabei nicht persönlich: „Jede neue Kapitallogik wird zunächst als Nische betrachtet.“ Entscheidend sei nicht die kurzfristige Akzeptanz, sondern die langfristige Relevanz. Und die sieht er als strukturell gegeben: „Impact Investment wird sich nicht durchsetzen, weil es moralisch überlegen wirkt, sondern weil es ökonomisch zunehmend unvermeidbar wird.“
Das ist letztlich der Kern seiner Botschaft an den Mittelstand: Der erste Schritt sei überraschend einfach. „Verstehen, wo das eigene Kapital heute wirkt, und welche Wirkung es alternativ entfalten könnte“, empfiehlt von der Heiden. Konkret bedeutet das: das eigene Portfolio reflektieren, erste Impact-Instrumente kennenlernen und mit konkreten Projekten in Kontakt kommen, statt nur mit Produkten. Kein großer Sprung, sondern ein bewusster erster Schritt in eine Investitionslogik, die Rendite und Wirkung nicht mehr als Gegensätze betrachtet.









